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Wie KI die Buchhaltung verändert: Chancen, Risiken und neue Rollen

Autorenbild: Nico DudliNico Dudli

Aktualisiert: 26. März

Belege abtippen, Konten abstimmen, Monatsabschlüsse vorbereiten – das war gestern. Die Buchhaltung wird smart, automatisiert und datengetrieben. Doch was heisst das für Fachkräfte konkret? Welche Aufgaben übernimmt KI – und wo bleibt der Mensch unverzichtbar?


Darüber habe ich mit Philipp Dudli, Head of Infrastructure Accounting bei Swisscom, gesprochen. Er kennt die Herausforderungen der Praxis – und zeigt, wie KI im Alltag bereits Prozesse verändert.


Laut dem World Economic Forum werden Maschinen bis 2025 rund 50 % der heutigen Arbeitsaufgaben übernehmen – gegenüber 29 % im Jahr 2018. Der Anteil hat sich also in nur wenigen Jahren beinahe verdoppelt. Parallel dazu schätzt die Institute of Management Accountants, dass bis zu 86 % der klassischen Buchhaltungsaufgaben automatisierbar sind. Der Wandel ist längst Realität.


Illustration: Wandel in der Buchhaltung – links klassisches Büro mit Papierbergen, rechts moderne Arbeitsumgebung mit digitalen Dashboards und KI.
Früher Papierberge, heute Daten-Dashboards: So verändert KI den Arbeitsalltag in der Buchhaltung.

Vom Zahlenverwalter zum Datenstratege


„Den klassischen Buchhalter, wie wir ihn heute kennen, wird es in zehn Jahren nicht mehr geben“, sagt Philipp.

Was er meint: Tätigkeiten wie Belegerfassung, Datenabgleich oder einfache Buchungen verschwinden zunehmend – das übernehmen KI-Systeme. Die Rolle des Buchhalters wandelt sich vom Zahlenverarbeiter zum Zahleninterpretierer.


Diese Entwicklung ist längst Realität: OCR-gestützte Tools lesen Rechnungsinformationen automatisch aus, KI-Systeme übernehmen die Vorerfassung von Rechnungen („Zero-Touch“) und führen Routineabstimmungen im Hintergrund durch. Menschen greifen erst bei Ausnahmen oder in der finalen Bewertung ein – das sogenannte „Human-in-the-Loop“-Modell.


Philipp nennt ein Beispiel:


„Früher hat jemand den ganzen Verarbeitungsprozess manuell betreut und die Übertragung der Rechnungsinformationen manuell im jeweiligen ERP-System eingetragen. Heute werden diese Tätigkeiten immer mehr von AI-Bots, OCR-Systeme und KI-Tools durchgeführt. Die manuellen Interaktionen des Menschen in der Rechnungsvorerfassung verschwinden schrittweise. Es findet eine Umlagerung der Tätigkeiten des Menschen in diesem Prozess statt – weg von repetitiven Arbeiten hin zu Monitoring und Beratung entlang des E2E-Prozesses.“

Genau das ist der neue Fokus: Business Impact statt Buchungshandwerk.


OCR ist das Rückgrat vieler KI-Tools in der Buchhaltung. Hier erfährst du, wie’s funktioniert.

 

Was KI heute schon kann – und wo sie an Grenzen stösst


Philipps Team nutzt bereits Microsoft CoPilot im geschäftlichen Kontext – vor allem für schnelle Datenrecherchen. So lassen sich z. B. interne Weisungen oder Prozessbeschreibungen in Sekundenschnelle finden. Das spart Zeit und erleichtert den Alltag.


Aber Philipp warnt vor überhöhten Erwartungen:


„Die Software ist der sichtbare Teil. Der grössere, unsichtbare Teil ist die Kultur und der damit verbundene Mindset-Change des Menschen (Eisberg-Modell) die Kultur ist der Transformationstreiber!“

Seine Aussage wird durch Forschung bestätigt: Die meisten Fehler bei der digitalen Transformation entstehen nicht durch die Tools – sondern durch kulturelle Widerstände. Wie ein Eisberg liegt der kulturelle Wandel oft unter der Wasseroberfläche – schwer sichtbar, aber entscheidend für den Erfolg.


Eisberg im Meer, bei dem nur die Spitze sichtbar ist – der Grossteil liegt unter Wasser.
Wie beim Eisberg liegt der entscheidende Teil oft unter der Oberfläche: Der kulturelle Wandel bleibt unsichtbar, ist aber zentral für den Erfolg.

 

Die neuen Skills in der Buchhaltung


Mit der Automatisierung verändert sich auch das Kompetenzprofil. Buchhalter*innen müssen heute mehr können als Zahlen buchen. Gefragt ist ein hybrider Mix aus Fachwissen, Tech-Verständnis und Beratungskompetenz.


Früher vs. Heute: So verändert sich das Skillset in der Buchhaltung

Früher

Zukünftig

Buchungen und Datenpflege

Datenanalyse & Interpretation

Excel-Funktionen kennen

KI-Tools anwenden und einschätzen

Rückblickend arbeiten

Vorausschauend planen (Forecasts etc.)

Einzelarbeit

Kollaboration in agilen Teams


Datenkompetenz bedeutet heute z. B.: Aus einem Liquiditätsreport nicht nur die Salden zu erkennen, sondern Trends abzuleiten – etwa ob eine Investition tragbar ist. Das bestätigt auch die ICAEW, die von Buchhalter*innen künftig analytisches Denken, KI-Verständnis und Kommunikationsstärke fordert.


Philipp Dudli bringt es auf den Punkt:


„Die Menschen, die KI verstehen, werden die ersetzen, die es nicht tun.“

Auch das World Economic Forum betont: Damit die Chancen der Automatisierung genutzt werden können, müssen Fachkräfte gezielt reskilled und upskilled werden. Bis 2022 sollten laut Prognose 54 % aller Mitarbeitenden in grossen Unternehmen neue Kompetenzen aufbauen, um den Wandel aktiv mitgestalten zu können.


Mehr dazu findest du im Beitrag:



 

Prozesse statt Silos – was sich organisatorisch ändern muss


Auch die besten Tools bringen nichts, wenn sie in starren Hierarchien festhängen. Philipp sieht die Zukunft in durchgängigen Prozessen – nicht in Fachbereichs-Silos:


„Nicht der Abteilungsleiter sollte über die Optimierung entscheiden, sondern jene, die den Prozess täglich leben.“

Damit ist Philipp nicht allein: Studien zeigen, dass KI besonders wirksam ist, wenn sie End-to-End-Prozesse automatisiert – also z. B. von Bestellung bis Zahlung in einem Workflow. Ist der Prozess zersplittert, kann KI ihr Potenzial nicht entfalten.


Sein Vorschlag: Rollen wie „Process Owner“ statt rein hierarchischer Strukturen – mehr Verantwortung bei jenen, die wirklich an der Front arbeiten.


Mitarbeiter skizziert Prozessschritte auf einem Whiteboard mit Post-its zur visuellen Darstellung von Arbeitsabläufen.
So entstehen durchgängige Prozesse: Wer täglich im Workflow steht, erkennt Optimierungspotenziale oft schneller als das Management.

 

Fazit: Die Buchhaltung stirbt nicht – sie wird menschlicher


KI verändert die Buchhaltung – aber sie macht sie nicht überflüssig. Im Gegenteil: Die menschliche Rolle wird anspruchsvoller, beratender, strategischer. Statt Zahlen zu verwalten, geht es künftig darum, Erkenntnisse zu liefern und Verantwortung zu übernehmen.


„Wir werden nicht von KI ersetzt – aber von Menschen, die besser mit KI umgehen.“ - sagt Philipp Dudli.

Dieser Wandel bringt Chancen – aber auch Risiken: Wer nicht bereit ist, sich weiterzubilden, läuft Gefahr, abgehängt zu werden. Laut Studien müssen bis 2025 rund 50 % der Beschäftigten im Finanzwesen deutlich upskillen. Doch wer jetzt investiert – in Tech-Verständnis, Kommunikation und Datenanalyse – wird nicht nur zukunftssicher, sondern zum strategischen Partner im Unternehmen.


Laut dem „Future of Jobs“-Report des WEF entstehen durch den Wandel mehr neue Berufe, als alte verschwinden: Zwischen 2018 und 2022 wurden 75 Millionen Jobs ersetzt, aber 133 Millionen neue geschaffen – vor allem in daten- und technologiebasierten Rollen. Die Buchhaltung wird also nicht abgeschafft, sondern auf ein neues Niveau gehoben.


Philipps Team bei Swisscom hat das bereits erlebt:


„Anfangs gab es Skepsis – viele fragten sich, ob sie durch die Tools ersetzt werden. Aber als sie merkten, dass KI ihnen die lästigen Routinen abnimmt und sie mehr Zeit für spannende Analysen gewinnen, hat sich die Stimmung gedreht.“

Nicht nur die Buchhaltung verändert sich. Erfahre in diesen Artikeln, welche Berufsfelder sonst noch im Wandel sind – und wie du dich schützen kannst:



 

FAQ: Wie KI die Buchhaltung verändert


Welche Buchhaltungsaufgaben werden zuerst von KI übernommen?


Repetitive, regelbasierte Tätigkeiten wie Belegerfassung, Rechnungsprüfung oder Kontenabstimmung. Tools mit OCR und Machine Learning können Belege automatisch erkennen, kategorisieren und verbuchen – schneller und fehlerärmer als der Mensch.


 

Heisst das, dass Buchhalter*innen bald überflüssig sind?


Nein. Die Rolle verändert sich, aber sie bleibt zentral. Der Fokus verschiebt sich von reiner Datenerfassung hin zu Analyse, Interpretation und Beratung. Der Mensch bleibt unverzichtbar als Qualitätskontrolle, ethisches Korrektiv und strategischer Sparringspartner.


 

Welche Skills muss ich mir jetzt aneignen, um nicht abgehängt zu werden?


Technologisches Grundverständnis (z. B. wie KI-Tools funktionieren), Datenkompetenz (z. B. Analysen interpretieren), Kommunikationsfähigkeit und Change-Bereitschaft. Wer mit Tools wie Power BI, CoPilot oder ChatGPT souverän umgehen kann, ist klar im Vorteil.


 

Was sind die grössten Hürden in Unternehmen bei der Einführung von KI in der Buchhaltung?


Nicht die Technik, sondern die Kultur: Viele Mitarbeitende haben Berührungsängste oder befürchten, ersetzt zu werden. Erfolgreiche Teams investieren deshalb in Aufklärung, Weiterbildung und partizipative Veränderung – und zeigen früh den konkreten Nutzen der Tools.


 

Wie kann ich als Unternehmen konkret starten?


  • Kleine Pilotprojekte starten – z. B. in der Rechnungsverarbeitung

  • Mitarbeitende frühzeitig einbinden und schulen

  • Prozesse durchgängig (End-to-End) denken, nicht nur bereichsweise

  • Mit klarer Zielsetzung und realistischem Zeitplan starten

  • Von anderen lernen: Austausch mit Unternehmen, die schon weiter sind


 

Zur Person Philipp Dudli


Philipp Dudli ist Head of Accounting Infrastructure bei Swisscom und gestaltet die digitale Transformation im Finanzbereich aktiv mit. Zuvor leitete er den Bereich Accounts Payable bei Swisscom und Cablex – dort hat er mit KI-Tools und agilen Methoden die Rechnungsverarbeitung neu gedacht.


Er verfügt über einen Bachelor in Rechnungswesen & Controlling sowie einen Master in Accounting & Finance (HWZ Zürich). Als Speaker ist er u. a. auf dem Accounting Summit und der Konferenz „KI in Finance & Controlling vertreten.


Seine Schwerpunkte: KI im Alltag, Prozessautomatisierung und kultureller Wandel im Accounting.


Porträtbild von Philipp Dudli
Philipp Dudli

 


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